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16.03.2008

Kinder und Familien von Armut betroffenen - Vollversammlung des Diözesanrates der Katholiken im Bistum Eichstätt

Diözesanratsvorsitzender Christian Gärtner (links) bei der Frühjahrsvollversammlung des Eichstätter Diözesanrats im Neumarkter Johanneszentrum (Kolpinghaus). Rechts der Geschäftsführer des Diözesanrats, Richard Ulrich.

Diözesanratsvorsitzender Christian Gärtner (links) bei der Frühjahrsvollversammlung des Eichstätter Diözesanrats im Neumarkter Johanneszentrum (Kolpinghaus). Rechts der Geschäftsführer des Diözesanrats, Richard Ulrich.

Eichstätt/Neumarkt. (pde) -  Mit der Armut in Deutschland beschäftigte sich der Diözesanrat der Katholiken im Bistum Eichstätt bei seiner Frühjahrsvollversammlung in Neumarkt. Außerdem verabschiedeten die Delegierten der katholischen Laien des Bistums ein Positionspapier zum Thema „Familiengerechte Arbeitswelt“ und ein Statement gegen den Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft.

Als Einstieg in die Auseinandersetzung mit dem Thema Armut war die Vollversammlung des Diözesanrates gedacht. „Auf uns kommt eine Form der Armut zu, wie wir sie in Deutschland schon ausgerottet sahen“, so der Diözesanratsvorsitzende Christian Gärtner in seiner Einführung zum Thema. Das oberste Laiengremium das Bistums hatte deshalb vier Fachleute zur Thematik geladen, die in einem Podiumsgespräch verschiedene Aspekte von Armut beleuchteten. Auch der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke OSB  griff in seiner Predigt während der abschließenden Messfeier das Thema auf. Er rief die Mitglieder des Diözesanrates auf, sich in gesellschaftliche Prozesse einzubringen und für soziale Gerechtigkeit einzutreten.

Die Referenten der Podiumsdiskussion waren sich in vielen Punkten weitgehend einig: Mehr, bessere, effizientere und vor allem individuellere Bildung für Kinder und Jugendliche sei nötig, um die weiter um sich greifende Armut in Deutschland zu bekämpfen. Außerdem müsse eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch den Ausbau von Kindergärten, Horten und Ganztagsschulen erreicht werden.

Die Vorsitzende der Christlich-Sozialen Arbeitnehmerschaft (CSA) und ehemalige Bundestagsabgeordnete Hannelore Roedel (CSU) zeigte anhand von Statistiken, dass in Deutschland der Anteil der Bevölkerung, der unterhalb der Armutsgrenze liegt, 13,5 Prozent erreicht hat. Dieser Anteil würde bei 41 Prozent liegen, wenn es die staatlichen Transferleistungen nicht geben würde. Besonders hoch liegt der Anteil der Armen bei Frauen, bei Alleinerziehenden und bei Kindern. So gilt derzeit jedes sechste Kind als arm, während nur jeder vierzigste Rentner unter diese Grenze falle. Sie erkannte auch einen direkten Zusammenhang zwischen Armut und Bildungsniveau. Fehlende Bildung ist nach ihren Worten eine der Hauptursachen von Nichterwerbstätigkeit. Diese dann wiederum eine Hauptursache der Armut.

Für Dr. Gerhard Pfohl, Sozialreferent des Landkreises Neumarkt und Lehrbeauftragter an der Fachhochschule Nürnberg ist das Arbeitsrecht in Deutschland eines der schlechtesten in ganz Europa. So wird darin die Gleichstellung von Mann, Frau und Homosexuellen geregelt, die Familie käme jedoch nicht vor. Auch zeige sich, dass bei einem Sozialplan anlässlich von Kündigungen zu versorgende Kinder keine Berücksichtigung fänden. Pfohl forderte deshalb nachdrücklich die Aufnahme von Familienpolitik ins Arbeitsrecht: „Es kann doch nicht wahr sein, dass Kinder am meisten unter Armut leiden!“

Bernhard Schinner, Leiter der Caritas-Kreisstelle Neumarkt, verzeichnet eine Zunahme bei der Schuldnerberatung der Caritas, sowie der Inanspruchnahme von Kleiderkammer und „Tafel“-Angeboten. Für ihn ist es jedoch wichtig, Armut nicht nur an Zahlen und Statistiken fest zu machen. Er berichtete von immer mehr Kindern, die sich etwa die Teilnahme an Schulveranstaltungen nicht mehr leisten könnten. Er sieht aber auch eine Aufgabe für die Schulen, den Umgang mit Geld und ein angepasstes Konsumverhalten zu erlernen.

Anton Lang, Rektor der Volksschule Velburg und Vorstandsmitglied im Diözesanrat stellt eine gestiegene Betreuungsnotwendigkeit für Schülerinnen und Schüler fest. Die angebotene Ganztagsbetreuung stellt mit einer Gebühr von 3,50 Euro pro Tag aber einige Familien bereits vor enorme Schwierigkeiten. Hinzu kommt ein gestiegener Leistungsdruck, da die Einschulung in eine Hauptschule nach der 4. Klasse nicht mehr gewollt sei. So würden viele Eltern bereits in der Grundschule Nachhilfekurse finanzieren, damit ihre Kinder den Übertritt ins Gymnasium oder zumindest die Realschule schaffen würden. Für Eltern mit geringem Einkommen sei das nicht möglich. Lang forderte deshalb neben einem kostenlosen Pflichtkindergarten für alle Kinder mit einem ausgearbeiteten Bildungsplan vor allem kleinere Klassen und eine längere Schulzeit, damit auch schwächere Schüler gefördert werden können. Alles das könne nur durch eine staatlich finanzierte Ganztagsschule erreicht werden.

Die Not der Menschen - einer der Wohnorte Gottes in dieser Welt

Für Bischof Gregor Maria Hanke OSB  bedürfe es vieler Korrekturen etwa in der Welt der Arbeit und des Kapitals, denn „Ungleichgewichte seien eine Quelle der Verarmung.“ Arbeit würde  in Politik und Gesellschaft immer mehr einem ökonomischen Zweck zugeordnet, aber nicht mehr als „Grundkonstante des menschlichen Lebens und als Ordnungsprinzip der Sozialwirtschaft“ und somit als Beitrag zum Erhalt des Gemeinwesens gesehen.

Der Bischof erinnerte an die Haltung der Jünger Jesu im Evangelium. Diese seien gehalten, Not und Armut wahrzunehmen. ,,Denn die Not der Menschen ist einer der Wohnorte Gottes auf dieser Welt," so der Bischof. Ein Christ dürfe deshalb nicht über Armut und Not hinwegsehen. Freilich gehe es den Jüngern nicht darum, ein „materielles Paradies“ zu errichten, sondern „der Gerechtigkeit und Liebe Gottes auf dieser Welt Raum zu schaffen.“ Wo diese spürbar würden, so der Bischof, entwickele sich das, was Christen „Lebensqualität“ nennen.

Familiengerechte Arbeitswelt

Familie zu haben und darauf Rücksicht nehmen zu können, sollte der  „Normalfall“ sein und nicht ein Nachteil für die Beschäftigten. In einem Positionspapier fordert der Diözesanrat: „Wir brauchen eine familiengerechte Arbeitswelt und nicht eine arbeitsgerechte Familie.“ Konkret erwartet der Diözesanrat „von der Politik, den christlichen Kirchen und der Gesellschaft“, den Ausbau der finanziellen Förderung von Familien, eine bessere soziale Absicherung  von Müttern und Vätern, den Aufbau eines „qualifizierten, erreichbaren und bezahlbaren“ Angebots an Kinderbetreuung und den Ausbau des Angebots an Ganztagsschulen.

Nein zu AGRO-Gentechnik

In einer weiteren Resolution erteilte der Diözesanrat allen Bestrebungen zum Einsatz von Gentechnik im Agrarbereich eine deutliche Absage. Er fordert darin die Politiker aller Parteien auf, „die Ausbringung von gentechnisch veränderten Organismen im Freiland zu stoppen“. Er begrüßt und unterstützt ferner ausdrücklich „alle Bemühungen zur Bildung gentechnikfreier Zonen mit dem Ziel einer gentechnikfreien Umwelt.“

Rückblick

Der Geschäftsführer des Diözesanrates, Richard Ulrich, stellte in seinem Tätigkeitsbericht die Ergebnisse der Schwerpunktthemen des letzten Jahres, „Umwelt- und Klimaschutz“, sowie „Gemeindecaritas“ vor. So konnten in Zusammenarbeit mit dem Umweltsekretär des Bistums einige konkrete Maßnahmen durchgesetzt werden. Auf Initiative des Diözesanrats wurden alle Dienststellen des Bischöflichen Ordinariats mit schaltbaren Steckerleisten für die Dienstcomputer versehen um so Stand-by-Strom zu sparen. Die Kindergärten im Bistum werden noch folgen. Darüberhinaus kann in über 40 katholischen Büchereien ein Strommessgerät ausgeliehen werden. So könne man „Stromräubern“ im Haushalt auf die Spur kommen. Weitere Maßnahmen, etwa im Beschaffungswesen des Bistums oder der Umstellung auf „Öko-Strom“ sind noch nicht umgesetzt. Bezüglich der „Gemeindecaritas“ konnte Richard Ulrich von zahlreichen Gesprächen berichten, die mittlerweile erfolgt seien. Konkrete Ergebnisse sind noch nicht zu verzeichnen.

Der Vorsitzende des Diözesanrats der Katholiken, Christian Gärtner, gab eine Vorschau auf die Planungen für den Diözesantag der Pfarrgemeinderäte, der am 11. Oktober in Eichstätt  stattfinden soll. Er soll eine Möglichkeit sein, dass eine große Zahl der vielen engagierten Laien des Bistums zusammen kommen um „Zeugnis ihres Engagements“ abzulegen und sich gegenseitig zu bestärken.

Generalvikar Johann Limbacher berichtete von aktuellen Themen innerhalb der Bistumsleitung. Schwerpunkt war die weitere Konzeption innerhalb der 52 Seelsorgeeinheiten des Bistums. Derzeit ist eine Überplanung der personellen Situation in den Seelsorgeeinheiten angedacht. Diese soll ab Herbst in den Pastoralkonferenzen diskutiert werden. Hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im pastoralen Dienst, also Priester, Diakone, Pastoral- und Gemeindereferenten verstehen ihren Dienst nach den Worten Limbachers auch in der Anleitung und Begleitung des ehrenamtlichen Engagements von Gläubigen in den Gemeinden.

Limbacher wies ferner darauf hin, dass die Bistumsfinanzen derzeit zwar recht gut dastünden, jedoch in Zukunft mit starken Einschnitten gerechnet werden müsse. Als Hauptgrund erinnerte er an den „demographischen Wandel“. So gibt es derzeit etwa doppelt so viel Todesfälle wie Geburten, was zu einem ständigen Rückgang der Gläubigenzahl führt. Deshalb müsse für die Zukunft mit finanziellen Einsparungen gerechnet werden.